Bei der Vokationstagung für Religionslehrkräfte an Berufsbildenden Schulen wurde es praktisch. Zwei Tage lang arbeiteten die Teilnehmenden im Religionspädagogischen Institut Loccum (RPI) an Ideen für einen Religionsunterricht, der nah an den Fragen und Erfahrungen junger Menschen ist.
Am Ende der Tagung erhielten sie ihre Vokation. Sie ist die kirchliche Bestätigung zur Erteilung evangelischen Religionsunterrichts. Das Vokationsgesetz verbindet damit auch eine Zusage der Kirche: Sie begleitet die Lehrkräfte und unterstützt sie in ihrem Dienst.
Geleitet wurde die Tagung von den RPI-Dozentinnen Kerstin Hochartz und Bianca Reineke. Beide haben selbst an Berufsbildenden Schulen unterrichtet. Die Vorträge und Workshops knüpften deshalb eng an die Praxis und an die Erfahrungen der Teilnehmenden an.
True Crime trifft Klosterkirche
Wie lassen sich Liebe und Scheitern im Religionsunterricht thematisieren? Welche Fragen nach Schuld und Gerechtigkeit stecken in True-Crime-Podcasts? Was kann geleistet werden, wenn Schüler*innen in Krisen geraten? Die Workshops griffen Themen auf, die jungen Menschen in ihrem Alltag begegnen, und verbanden sie mit theologischen und ethischen Fragen.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Kirchenpädagogik in der Loccumer Klosterkirche. Mit kleinen Spiel- und Tierfiguren erkundeten die Teilnehmenden den Kirchenraum. Sie platzierten Figuren an ungewöhnlichen Orten und ordneten die Tiere den Darstellungen zu, die sich in der Kirche entdecken lassen. So entstanden neue Blicke auf einen vertrauten Raum. Zugleich erfuhren die Lehrkräfte, wie Schüler*innen auch ohne großes Vorwissen neugierig werden und eigene Fragen entwickeln können.
Wenn Zuhören wichtig wird
Religionsunterricht reicht immer wieder über das hinaus, was sich planen lässt. Schüler*innen wenden sich mit persönlichen Fragen an ihre Religionslehrkräfte oder suchen das Gespräch, wenn sie etwas belastet. Deshalb ging es während der Tagung auch darum, was Schulseelsorge leisten kann und wo die Grenzen der eigenen Verantwortung liegen.
„Das Miteinander, das gute Klima und der Austausch während der gesamten Tagung waren etwas Besonderes“, sagt Julia Hamann von der BBS Bassgeige in Goslar. Besonders der Workshop zur Schulseelsorge und die Arbeit mit einem Trauerkoffer hätten ihr einen neuen Zugang zu diesem Thema eröffnet.
Ihre Zwillingsschwester Nadine Hamann, Religionslehrerin an der Herman-Nohl-Schule in Hildesheim, hat ebenfalls zahlreiche Anregungen mitgenommen: „Die Zeit war knapp, aber wir haben viele Impulse und ganz praktische methodische Tipps an die Hand bekommen.“ Auch das Wiedersehen mit Kolleg*innen aus früheren Tagungen in Loccum sei schön gewesen. „Aus den Workshops habe ich viel für meinen Unterricht mitgenommen.“
Mit Urkunde und Segen
Den feierlichen Abschluss bildete der Gottesdienst zur Verleihung der Vokationsurkunden mit Oberkirchenrätin Dr. Michaela Veit-Engelmann, die selbst an einer Berufsbildenden Schule unterrichtet hat. Im Gottesdienst erhielten die Lehrkräfte ihre Vokationsurkunden und wurden für ihren Dienst gesegnet.
In ihrer Predigt zu Psalm 8 griff Michaela Veit-Engelmann Marc-Uwe Klings Roman „QualityLand“ auf. In dieser satirischen Zukunftswelt bestimmen Algorithmen über das Leben der Menschen. Jede Person wird bewertet und einem sozialen Level zugeordnet. Wer einen niedrigen Wert hat, muss mit Nachteilen rechnen. Was angeblich zu einem Menschen passt, entscheiden die gesammelten Daten gleich mit.
Was ist der Mensch?
Psalm 8 setzt diesem Menschenbild etwas anderes entgegen. Angesichts der Weite der Schöpfung erscheint der einzelne Mensch klein. Dennoch fragt der Psalm: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ Die Antwort liegt nicht in Leistung oder gesellschaftlicher Anerkennung. Der Mensch besitzt Würde, weil Gott ihn ansieht und ihm einen besonderen Platz in seiner Schöpfung gibt.
Bianca Reineke, Öffentlichkeitsarbeit RPI Loccum