Nahostkonflikt findet auch in deutschen Schulen statt

Nachricht 13. Januar 2026

Projekt des Hauses der Religionen über den „globalen Konflikt im Klassenzimmer“

Der Nahostkonflikt findet auch in deutschen Schulen statt. Ein Projekt des Hauses der Religionen in Hannover will Schülern und Lehrern helfen, darüber zu reden: informiert und respektvoll.

Die beiden schenken sich nichts: „Du bist ein Rassist“, wirft das Mädchen in Hijab und Turnschuhen dem Jungen vor. „Sie hat mich Jude genannt und mich für die Politik Israels verantwortlich gemacht. Das ist antisemitisch“, schwärzt der Junge mit der Kippa sie im Gegenzug bei der Lehrerin an. Zugegeben: Der Dialog auf dem Schulhof hat so nie stattgefunden. Schon deswegen zeigt er keine typische Situation, weil jüdische Schüler eine kleine und oft gar nicht sichtbare Minderheit an niedersächsischen Schulen sind. Aber wenn man Nina Käsehage eine Weile zuhört, dann merkt man: Auch wenn der Streit der beiden Zeichentrickfiguren erfunden ist, sind hier viele der echten Enttäuschungen, Diskriminierungserfahrungen und Vorurteile eingeflossen, die sie und ihre Kollegin Hamideh Mohagheghi von Schülern gehört haben. Im Jahr 2025 haben die beiden Mitarbeiterinnen des „Hauses der Religionen“ in Hannover eine Schule in Niedersachsen intensiv begleitet. Sie haben Interviews mit Schülern der Evangelischen IGS Wunstorf aus den Klassen fünf bis dreizehn geführt, ebenso wie mit Lehrern, die in ihrem Berufsalltag auf den globalen Konflikt im Klassenzimmer stoßen.

Dementsprechend heißt auch das vom Niedersächsischen Kultusministerium geförderte Projekt „Der globale Konflikt im Klassenzimmer (GKiK) – Antisemitismus trifft auf antimuslimischen Rassismus“. Die beiden Religionswissenschaftlerinnen haben für Aha-Effekte gesorgt, indem sie ein „Tacheles-Gespräch“ an der Schule organisiert haben, bei dem eine Jüdin und ein Muslim über ihre Freundschaft berichteten. Denn die Alltagserfahrung der Jugendlichen ist oft eine andere: An konträren Positionen zum 7. Oktober 2023 und zum folgenden Gazakrieg sind Freundschaften zerbrochen. Eltern haben ihren Kindern verboten, Freunde zu treffen, deren Familien eine „falsche“ Einstellung vertraten. „Dieser Konflikt findet auch in Europa statt“, betont Käsehage. Ein Kind erzählte, es habe fünfzig Familienangehörige in Gaza an einem Tag verloren.

Hamideh Mohagheghi und Nina Käsehage standen jederzeit als eine Art Kriseninterventionsteam bereit, wenn es zu Konflikten in der Schule kam. Zum Beispiel, als Schüler Rap-Songs in den Musikunterricht mitbrachten, die der Musiklehrerin antisemitisch vorkamen. Sie wünschte sich Unterstützung für die Diskussion, denn schließlich ist sie Fachfrau für Musik, nicht für Politik, Geschichte oder Religion. „Wir können nur ein Samenkorn säen“, sagt Nina Käsehage bescheiden. Manchmal reiche es schon, bei Vorurteilen und Falschinformationen zurückzufragen: „Woher hast du das?“ oder: „Würdest du Kritik an – zum Beispiel – Italien auch so formulieren wie gerade an Israel?“

Noch hilfreicher ist, eigenes Wissen zum Thema den Vorurteilen entgegensetzen zu können. Deswegen gab es zu Beginn und zum Ende des Projektes zwei Fachveranstaltungen, die auch von Lehrkräften anderer Schulen genutzt werden konnten. Zum Abschluss entstanden vier Videos mit den beiden Comic-Charakteren, die auf Youtube und im Unterricht weiterwirken sollen. Dass die qualitative Erhebung für das Projekt GKiK nur in einer Schule stattfand, war so nicht geplant. Aber nach anfänglichem Interesse von vielen Seiten erklärte sich schließlich nur eine Schulleitung bereit mitzumachen.

Die Diskriminierungserfahrungen von Muslimen in Deutschland, kritisiert Nina Käsehage, seien lange Zeit nicht ernstgenommen worden. Ob junge Muslime mit deutscher Staatsangehörigkeit oder Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, sie alle sagten in den Interviews: Die Mehrheitsgesellschaft sei zwar freundlich zu ihnen, aber sie blieben immer Außenstehende. Regelmäßig werde ihnen unterstellt, dass Religion ihre Einstellungen und Handlungen präge. Oder wie das Mädchen in dem Video sagt: „Es nervt mich total, wenn ich als Muslimin ständig mit Extremisten gleichgestellt werde und Menschen meinen, ich hätte keinen Respekt vor Nicht-Muslimen. Und mir wird gesagt, dass ich als Muslimin sowieso unterdrückt werde und zwangsverheiratet und so.“

Was man in dieser festgefahrenen Lage tun kann? Einige Rezepte dafür haben die Forscherinnen nicht mitgebracht, sondern an der Schule selbst gefunden. Schulleiterin Elke Helma Rothämel betone nicht die Unterschiede in Herkunft und Religion, lobt Käsehage. Stattdessen vermittele sie jene Errungenschaften, von denen alle in Deutschland profitieren: die Demokratie, den Rechtsstaat, die Menschenrechte. Die islamische Religionslehrerin Elanur Gül hat mit den Schülern ein Quiz gemacht: Sie sollten Zitate aus den heiligen Schriften der passenden Religion zuordnen. Bei vielen Gedanken, mit denen sich die muslimischen Schüler identifizieren konnten, gab es einen Überraschungseffekt: Sie stammten gar nicht aus dem Koran, sondern aus der Tora oder Bibel.

Was das direkte Gespräch über den Nahostkonflikt betrifft, so möchten die Expertinnen einen Beitrag zur Versachlichung leisten: „Die Politik Israels als ‚Apartheid‘ und ‚Besatzung‘ zu bezeichnen ist ebenso falsch wie alle Palästinenser als Terror-Sympathisanten zu brandmarken.“ Stattdessen sei es wichtig, um die Vielfalt in beiden Gesellschaften zu wissen: Ebenso wie Israelis gegen Netanjahu protestieren, gab es auch mutige Anti-Hamas-Demonstrationen in Gaza. „Wir wollen nicht Leuten, die Verluste erlitten haben, vorschreiben, was sie zu fühlen haben“, sagt Nina Käsehage. Gefühle, erklärt sie den Schülern und Lehrern, werden erst dann zu rhetorischen Waffen, wenn man sie gegen andere einsetzt. Deshalb sei es wichtig, mit den Schülern in der Schule über ihre individuellen Gefühle hierzu ins Gespräch zu kommen – und zugleich Fake-News und Hasskommentaren gegenüber einer der beiden betroffenen Gruppen beherzt und sachbezogen entgegenzutreten.

„Eltern prägen stark die Wahrnehmung ihrer Kinder“

Ein ernüchterndes Fazit der Religionswissenschaftlerinnen: „Das Prinzip ,anti-israelischer Antisemitismus‘ wird von vielen Schülern überhaupt nicht verstanden.“ Das heißt, die Befragten verstehen oft nicht, wo sachlich begründete Kritik an der israelischen Regierung endet und antisemitische Narrative beginnen. Von ihren Eltern hören sie pauschal: „Sag lieber nichts zum Thema.“ Dabei würden sie sich wünschen, in der Schule und im Alltag offener diskutieren zu können, ohne vorverurteilt zu werden. „Über den ,anti-israelischen Antisemitismus‘ findet oft radikal-islamische Rekrutierung statt“, erklärt Käsehage. Es sei deshalb wichtig, ihn noch deutlicher als antisemitisches Phänomen zu erklären.

Mittlerweile, erzählt die habilitierte Religionswissenschaftlerin, habe sich das Projekt herumgesprochen. Schulen fragen an, ob sie auch Fortbildungen bekommen können. „Aber momentan können wir diese noch nicht anbieten.“ Ein Folgeprojekt ist beantragt und man hoffe sehr auf dessen Bewilligung, denn: „Bei der Evaluation haben wir festgestellt, dass die Eltern sehr stark die Wahrnehmung ihrer Kinder prägen“, sagt Käsehage: So lassen sich Vorurteile bis hin zu rechtsextremen und religiös-fundamentalistischen Einstellungen identifizieren, die die Kinder unreflektiert aufnehmen. Ihr Wunsch ist es deshalb, einen geschützten Raum zu schaffen, in dem sie mit Eltern diskutieren kann: authentisch und auf Augenhöhe.

Im Austausch mit Menschen mit extremen Ansichten habe sie Erfahrung, sagt Nina Käsehage: Zum Beispiel durch ihre Dissertation, für die sie deutsche Salafisten und Dschihadisten interviewt hat. Oder durch Besuche bei den Eltern von Studenten, um sie vom Nutzen von Bildung zu überzeugen: ob rechtsextreme Biobauern oder konservative Muslime, die meinten, ihre Tochter sollte lieber heiraten als studieren. „In meinen Lehrveranstaltungen sind Identitäre mit Transparenten auf die Tische gesprungen“, berichtet sie. Bei vielen solcher Begegnungen habe sie festgestellt: Neugier auf andere Meinungen oder Lust darauf, die Diskussion vielleicht zu gewinnen, sei durchaus eine Motivation für ihr Gegenüber, miteinander ins Gespräch zu kommen. Das möchte sie als Ausgangspunkt für die Elterngespräche nutzen. Das Folgeprojekt könnte Praktikumsplätze für Lehramtsstudierende schaffen, wünscht sie sich, um ihnen praktische Einblicke zum Umgang mit Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus in der Schule zu ermöglichen.

Doch das ist noch Zukunftsmusik. Derzeit pendelt Nina Käsehage zwischen Hannover und Frankfurt am Main, wo sie gerade eine Professur vertritt. Hamideh Mohagheghi ist als Hochschuldozentin bereits im Ruhestand, trotzdem ist die promovierte islamische Theologin weiterhin unermüdlich im Dialog der Religionen unterwegs. „Wir sind Marathonläuferinnen“, sagt Nina Käsehage lachend. Dann wird sie wieder ernst: „Wir befinden uns in einem Wettlauf mit der Zeit“, ist sie überzeugt. „Es gibt immer mehr Extremismen. Aber wenn das Bildungssystem und der Rechtsstaat jetzt handeln, können wir sie noch mit vereinten Kräften aufhalten.“

Anne Beelte-Altwig, Rundblick Niedersachsen #003 (Abdruck mit freundlicher Genehmigung)

Rundblick – Politikjournal für Niedersachsen